Donnerstag, 10.12.2009

Weinerliche Rechte?

Die Larmoyanz, welche die deutschen Rechten angeblich pflegen – was ist damit gemeint? Soll das heißen, daß sie die allgemeine Weinerlichkeit in Deutschland (auch „German Angst“ genannt) teilen und folglich keine besseren Menschen sind als die Objekte ihrer Kritik? Oder zielt der Spott auf eine spezifische, eben „rechte“ Larmoyanz-Variante? Diese Spezifik müßte dann aber auch genau definiert werden.

In Deutschland gehört das Wort „Betroffenheit“ zu den meistbenutzten der Vokabeln der politischen Rhetorik. Ein Politiker, der diesem Fetisch nicht huldigt, wird schnell als Vertreter der sozialen Kälte verdammt. Natürlich sollen staatliche Repräsentanten bei tragischen Anlässen im Namen des Gemeinwesens ihre Anteilnahme ausdrücken. Kritisch wird es aber, wenn der Betroffenheitsjargon an die Stelle der politischen Analyse tritt. Man höre sich nur einmal eine Bundestagsdebatte zum Afghanistan-Krieg an.

Die Politik degeneriert so zum Gegenstand eigener Erbauung. Das ist zum einen ein Erbe der deutschen Innerlichkeit: Noch im 19. Jahrhundert war das Bürgertum weitgehend ausgeschlossen von den politischen Entscheidungen und kultivierte sein Privatleben. Auch die äußere Welt wurde nach den Maßstäben der Familienmoral beurteilt. (Daß das in machtgeschützter Innerlichkeit verharrende Bildungsbürgertum auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft zu Höchstleistungen stimuliert wurde, steht auf einem anderen Blatt.)

Brachliegende Energien gehen den Weg nach innen

Zweitens hängt das mit der jahrzehntelangen weltpolitischen Abstinenz nach 1945 zusammen. Der amerikanische Ex-Außenminister Henry Kissinger nannte in seinen Memoiren die Bundesrepublik eine wirtschaftliche Einheit, die nach einer politischen Aufgabe suche. Verunsichert und stets erpreßbar wegen der Niederlage und der Teilung, verlangten ihre Politiker „kein Mitspracherecht in der großen Weltpolitik, es fehlte ihnen an Selbstbewußtsein, unsere Politik in einem größeren Rahmen beeinflussen zu wollen“. Nur ganz wenige Politiker und Medienleute ragten über diesen Provinzialismus hinaus. (Peter Scholl-Latour ist bis heute eine erratische Gestalt, ein Nachfolger nicht in Sicht.)

Wo aber die Wege des politischen Handelns versperrt sind, gehen die brachliegenden Energien den Weg nach innen und wenden sich der moralischen Vervollkommnung zu.

Die Folge ist eine rigorose Gesinnungsethik, die den Unterschied zur Verantwortungsethik gar nicht mehr kennt. Ihre Vertreter sind von der eigenen Güte so sehr ergriffen, daß ihnen darüber die Tränen kommen. Ein besonders abstoßendes Beispiel bieten die seichten Gewässer, in die man blickt, wenn die Grünenpolitikerin Claudia Roth betroffen ihre Augen aufsperrt. Welcher Rechte kann und mag da schon mithalten?

Was wäre die Alternative?

Am lächerlichsten wird es, wenn der Larmoyanz-Befund aus dem Kreis antifaschistischer Aktivisten vorgebracht wird. Hier handelt es sich um Projektionen. Schließlich gibt es nichts Rührseligeres als den greinenden Antifanten, der fürchten muß, nicht länger mit Steuergroschen ausgehalten zu werden.

Der Larmoyanz-Vorwurf an die Adresse der Rechten meint etwas anderes. Hinter ihm verbirgt sich die Furcht vor den Realitäten. Wir bemühen uns – und darin sehe ich die wichtigste Aufgabe, ja den Sinn der JUNGEN FREIHEIT überhaupt – das schnellebige politische Alltagsgeschehen in Deutschland auf seine politisch-historischen Grundtatsachen zurückzuführen. Diese Grundtatsachen sind überwiegend deprimierend. Die meisten halten sie nicht aus. Wir versuchen es wenigstens. Was wäre die Alternative? Dumm bleiben und fröhlich sein?




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Tanja Krienen aus Waldeck

Freitag, 11-12-09 18:11

"Der melancholische Beobachter steht in der Tradition des inneren Emigranten im 3. Reich. Er verabschiedet sich innerlich von Deutschland, vollzieht die eigene Ausbuergerung mithin im Geist, um sich so ein Mindestmass an Selbstachtung zu bewahren."

Eine sehr richtige, treffende Bemerkung, Herr Nowitzky!

 

Philip T. aus B-B

Donnerstag, 10-12-09 18:28

Offenbar bezieht sich der Artikel auf einen Beitrag des JF-Kolumnisten Martin Böcker bei "Sezession". Wäre schön, wenn das auch erwähnt würde.
Daß es nicht geschieht, hat sicher Gründe. So kann Hinz so tun, als versäume es Böcker, zu definieren, was er mit "rechter Larmoyanz" eigentlich meint. Dabei definiert er es sehr wohl. Hinz scheint das nicht zu interessieren, er spielt seine bekannte Platte einmal mehr herunter.
Und unbekümmert um die Zirkularität seiner Argumentation schreibt er, wer den Rechten Larmoyanz vorwerfe, fürchte sich lediglich vor der Realität und halte die deutsche Geschichte nicht aus. So argumentiert auch die Linke gegen die Rechte. Aber falsifizierbar ist beides nicht. Popper nannte das totalitär.

 

Bernd N. aus Hamburg

Donnerstag, 10-12-09 16:43

Entscheidend ist es, unermüdlich seinen Beitrag zu leisten, um den Zeitgeist zu verändern. Gelingt dies, so ist der politische Acker bestellt, und ernten lässt sich später. Daraüber hinaus kommt es darauf an, als demokratische Rechte wie einst die Linken der 68er-Generation den Marsch durch die Institutionen zu gehen.

 

Toni Roidl aus k.A.

Donnerstag, 10-12-09 15:15

Hallo Herr Nowitzky,

wenn es so wäre, wie Sie schreiben, müsste man die JF sofort einstellen.

Das wäre aber verantwortungslos. Denn schließlich ist es nicht richtig, dass man GAR NICHTS tun kann. Und wenn es nur das »etiam si omnes, ego non« ist. Das heißt aber nicht, dass man seinen Sargdeckel zuklappt...

 

Maximilian Rickerts aus Rostock

Donnerstag, 10-12-09 12:16

Gewiss wäre es an der Realität und dem Empfinden der Deutschen vorbei, in wilden Aktionismus zu verfallen und künstlich auf gute Stimmung zu machen, wie das derzeit unsere Eliten schon mal gerne in sozialistischer Hau-Ruck-Manier machen. Aber sich allein in seiner eigenen Betrübnis suhlen, ist natürlich auch letzten Endes verfehlt. Am besten ist es also, wie angedeutet, innezuhalten, sich seiner eigenen Triebkräfte und Beweggründe bewusst zu werden, und aus dieser Haltung heraus schließlich Angriffslust und Begeisterung zu ziehen.

 

Kevin-Silvio Nowitzky aus koeln

Donnerstag, 10-12-09 10:45

Ich finde, dass man in der BRD nichts anderes tun kann, als ein melancholischer Beobachter zu sein.

Wenn ich etwa an den "zupackenden" Aktionismus von G. Kubitschek denke und an seine praetentioes-kaempferischen Redenwendungen wie "einer von uns", etc., dann kommt mir dies alles in der Tat naiv vor, und vor allem sinnlos und deshalb laecherlich.

Der melancholische Beobachter steht in der Tradition des inneren Emigranten im 3. Reich. Er verabschiedet sich innerlich von Deutschland, vollzieht die eigene Ausbuergerung mithin im Geist, um sich so ein Mindestmass an Selbstachtung zu bewahren.

 
 

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