Dienstag, 17.02.2009
Sehnsucht nach Einheit
Von Günther Deschner
Aberwitzige Kunststaaten wurden kreiert
Aberwitzige Kunststaaten wurden auf dem Reißbrett kreiert, rücksichtslos wurden Völker zerrissen, aber Volksgruppen und Konfessionen, die wenig Gründe hatten, miteinander auszukommen, wurden in die neuen Staaten gepreßt, die Völkergefängnissen glichen – in Europa handelte es sich um die Tschechoslowakei und um Jugoslawien, im Orient zum Beispiel um den Irak. Und Italien durfte das südliche Tirol, die versprochene Kriegsbeute, annektieren. Von diesen Anschlägen auf den gesunden Menschenverstand aus zog sich eine Spur von Spannungen, Bürgerkriegen und Kriegen durch das ganze zwanzigste bis ins nächste, in unser Jahrhundert.
Erst das Ende des Kalten Krieges schuf eine neue Situation. Der Zusammenbruch der Sowjet-union machte die Unabhängigkeit vieler in das sowjetische Russenreich gepreßter Völker möglich. Letten und Esten, Ukrainer und Georgier konnten sich endlich in eigenen Staaten verwirklichen – ein Signal auch für die übrigen Kunststaaten Europas. Jugoslawien und die Tschechoslowakei lösten sich auf, die staatliche Existenz der DDR ging zu Ende. Die Ausstrahlung dieses Renationalisierungsprozesses erreichte auch andere Völker – Schotten, Basken, Flamen, Kosovaren und einige mehr.
Auch die Sehnsucht der Südtiroler nach Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts erhielt neue Impulse. Auf die Tiroler diesseits und jenseits des Brenner hatte speziell die Wiedervereinigung Deutschlands eine besondere Ausstrahlungskraft. Die Faszination war auf die historische Parallele der Landesteilung zurückzuführen. Sie kam zum ersten Mal im September 1991 bei einer großen Kundgebung zum Ausdruck, bei der die Forderung nach Selbstbestimmung und auf „Ein Tirol!“ wieder erhoben wurde.
Parallelen mit der deutschen Wiedervereinigung
Auch italienische Regierungen waren sich der möglichen Parallele zwischen deutscher und Tiroler Wiedervereinigung seit Jahren bewußt. Nicht von ungefähr hatte Italiens Außenminister Giulio Andreotti im September 1984 der deutschen Bundesregierung „Pangermanismus“ vorgeworfen – mit der Begründung, sie halte immer noch „an dem gefährlichen Ziel einer deutschen Wiedervereinigung“ fest. Es war sicher kein Zufall, daß zur selben Zeit die Tiroler mit dem Motto „Los von Rom!“ zum 175. Jahrestag des Aufstands unter Andreas Hofer gegen Napoleon gedachten.
Anläßlich der Veranstaltungen zum doppelten Jahrestag treten jetzt die Berührungspunkte, die es zwischen Geschichte und Politik, zwischen dem Gestern und dem Heute gibt, wieder ins Bewußtsein. Wenn Geschichte auf Zukunft trifft, dann ergeben sich oft neue politische Chancen.
Es überrascht deswegen nicht, daß die Rufe nach Selbstbestimmung und Wiedervereinigung mit dem Norden Tirols auch südlich des Brenner wieder lauter werden. In der Realität Europas sind alle strategischen, politischen und ökonomischen Motive, die Rom immer wieder am Eingehen auf den Willen der Südtiroler gehindert haben, nicht mehr relevant.
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