Mittwoch, 02.07.2008
„Deutschland driftet nach links"
Von Moritz Schwarz
"Unbestreitbar sind die unglaublichen Verbrechen Adolf Hitlers"
Woher rührt diese Realitätsblindheit?
Bismarck: Gute Frage. Ich erlebe bei unseren Eliten leider nur allzu oft, daß sie schlicht kein Interesse mehr an der Bewahrung Deutschlands zu haben scheinen. Dagegen gewinnt man den Eindruck, daß es ihnen gar nicht schnell genug gehen kann, unser Volk in einer multikulturellen und multiethnischen Gesellschaft und unseren Staat in überstaatlichen Strukturen aufzulösen.
In Ihrem Buch sprechen Sie im Kapitel „Unsere Vergangenheit“ von einem „deutschen Trauma“.
Bismarck: Ich denke, daß die Katastrophe des Nationalsozialismus maßgeblich mit schuld an dieser Situation ist. Unbestreitbar sind die unglaublichen Verbrechen Adolf Hitlers. Aber ebenso, daß uns Deutschen über mehrere Generationen bis heute ein historisches Schuldbewußtsein eingetrichtert wird. Angefangen hat dies mit den Nürnberger Prozessen, wo zwar die führenden Verbrecher aufgehängt wurden, aber gleichzeitig die deutsche Alleinschuld – moralisch gesehen gleich an beiden Weltkriegen – im allgemeinen Bewußtsein zementiert wurde.
Heute geschieht dies immer aufs neue durch die Macht der Politischen Korrektheit, die jeden verfolgt, der hier auch nur eine differenzierte Betrachtungsweise einfordert. Inzwischen scheinen viele Deutsche sogar bereits stolz auf diese Schuld zu sein, weil sie ihr Schuldkomplex in ein negatives Moralverständnis geführt hat: Ich bereue, also bin ich gut. Die NS-Verbrechen werden geradezu benötigt, um sich moralisch gerechtfertigt fühlen zu können!
Gibt Ihnen der Patriotismus, den der Fußball trotz der Niederlage am Sonntag erneut bei uns ausgelöst hat, Hoffnung auf Besserung?
Bismarck: Manche kritisieren ja, der Fußballpatriotismus sei oberflächlich. Das ist sicher richtig, aber dennoch sollten wir erkennen, daß diese Welle es endlich wieder einmal ermöglicht, Deutschland positiv in den Vordergrund zu stellen. Und ich habe zudem die Hoffnung, daß auf Grundlage dieser positiven Deutschland-Erfahrung später einmal vielleicht wieder ein politischer Patriotismus entstehen kann.
"Patriotismus bedeutet, Verantwortung zu übernehmen"
„Setzen wir Deutschland wieder in den Sattel“ haben Sie mit „Anmerkungen eines Patrioten“ untertitelt, und in einem politischen Rundschreiben haben Sie jüngst formuliert: „Jeder Patriot ist jetzt gefordert!“ Was ist Patriotismus für Sie?
Bismarck: Patriotismus bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. So wie einst der Adel die Verantwortung für seine Untertanen trug, so trägt heute der Patriot die Verantwortung für sein Land. Jedes Land braucht Menschen, die es lieben! Deshalb sehe ich folgerichtig „jeden Patrioten gefordert“. Und meine „Anmerkungen eines Patrioten“, also mein Buch, verstehe ich als einen Appell, Egoismus, Selbsthaß und innere Zerfleischung, wie sie uns sechzig Jahre lang eingeflüstert worden sind, endlich zu überwinden und Deutschland wieder zu altem Stolz zu führen.
Was verstehen Sie unter altem Stolz?
Bismarck: Das ist natürlich etwas patriotisch-national formuliert, wie überhaupt das ganze Buch. Was ich meine, ist, daß wir Deutschen wieder lernen sollten, an unser Land zu glauben, daß uns Deutschland wieder wichtig ist. Unsere demographische Schwäche etwa ist doch unbezweifelbar auch eine Folge unseres grenzenlosen Individualismus: Uns ist nicht mehr unser „Wir“, sondern in erster Linie unser „Ich“ wichtig. Nehmen Sie dagegen Frankreich, dort haben die Familien eine Reproduktionsrate, von der wir nur träumen können. Und warum? Weil die Franzosen ein stolzes Volk sind, das an seinem Selbsterhalt interessiert ist und seine Politik daran ausrichtet.
Das Panorama Ihrer Analyse ist bestürzend. Dennoch bleiben Sie, wie Sie dargelegt haben, aus preußischem Pflichtgefühl weiterhin CDU-Mitglied. Ist aber die Union inzwischen nicht eher Teil des Problems als der Lösung?
Bismarck: Ich muß Ihnen ehrlich sagen: Spätestens seit sich Friedrich Merz zurückgezogen hat und Paul Kirchhof fallengelassen wurde, fehlt auch mir das Vertrauen in die Union. Es liegt an Frau Merkel, dies zu ändern. Sie hat mit ihrer Bildungspolitik einen richtigen Ansatz gefunden. Was aber noch fehlt, ist die Motivation zu Leistung, in der Wirtschaft, im Beruf, im Leben allgemein – auch sportliche Leistung gehört übrigens dazu.
Eltern müssen ihren Kindern Leistungsdruck geben und ihnen Ziele setzen, die sie in Begeisterung versetzen; und das muß auch auf Gegenseitigkeit beruhen, Kameradschaftsgeist und patriotisches Gemeinschaftsgefühl fördern ungemein die Leistungsbereitschaft, angefangen in den Schulen, fortgesetzt im Beruf und Leben. Und Eltern müssen wiederum Vorbildfunktion haben. Das gleiche gilt für Lehrkräfte. Sie müssen über die Autorität verfügen, durchgreifen zu können, auch mit Sanktionen. „Autoritär“ ist zwar im Sprachgebrauch eine häßliche Eigenschaft, aber Autorität wird anerkannt und positiv gewertet.
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