Dienstag, 17.02.2009

Nationalitätenfrage: Tirol als offene Wunde Europas

Sehnsucht nach Einheit

Von Günther Deschner

Für Südtirol ist 2009 ein Gedenkjahr in doppelter Hinsicht: Vor 200 Jahren hatte der Südtiroler Schützenleutnant und Freiheitskämpfer Andreas Hofer einen Volksaufstand angeführt, die Besatzungsarmee des Franzosenkaisers Napoleon und dessen bayerische Hilfstruppen aus Tirol vertrieben, dem Land für kurze Zeit die Freiheit verschafft und seinen Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschenkt, das sich durch alle Höhen und Tiefen der Südtiroler Geschichte gehalten hat und noch heute lebendig ist.

Das zweite Gedenken ist einem Tiefpunkt gewidmet: der Teilung des Landes Tirol vor neunzig Jahren und der erzwungenen Abtretung Südtirols an Italien. Am 10. September 1919 mußte die junge österreichische Republik den Vertrag von Saint Germain unterzeichnen, der den südlich des Brenner gelegenen Teil Tirols Italien zuschlug. Vergeblich forderte die damalige österreichische Regierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner die Einheit Tirols und gleichzeitig den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich.

Die Veranstaltungen des Gedenkjahrs erinnern an diesen weitgehend vergessenen Nationalitätenkonflikt im Herzen Europas, das jahrzehntelange Ringen der Südtiroler um den Erhalt ihres Deutschtums und um die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts. Zwar erfreuen sich – fast ein Jahrhundert nach der Annexion durch Italien – die Südtiroler, von denen trotz des Italienisierungsdrucks, den es in der Vergangenheit gegeben hat, mehr als zwei Drittel Deutsche sind, einer durch selbsterwirtschafteten Wohlstand abgepufferten weitreichenden Autonomie.

Viele klagen über Diskriminierungen und Anfeindungen

Trotzdem klagen viele über Diskriminierungen und offene Anfeindungen. Und: Immer mehr fühlen sich über das rein Südtirolische hinaus auch als Tiroler, als Österreicher und letztlich als Deutsche. In vielen Wortmeldungen zu den anstehenden Gedenkfeiern kommt das zum Ausdruck.

Die ungelöste Südtirolfrage ist eines der letzten noch nicht beseitigten Relikte der imperialistischen Politik der Westmächte im 19. und 20. Jahrhundert. Die britisch-französischen Tricksereien auf dem Rücken der Völker hatten bereits im Ersten Weltkrieg begonnen. Palästina zum Beispiel, damals Teil des mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reichs, hatten die Briten 1917 in Geheimvereinbarungen gleich zwei Interessenten als Lohn für Hilfsdienste versprochen – den Arabern und in der „Balfour-Erklärung“ auch noch den Juden.

Was Südtirol angeht, hatten London und Paris 1915 im Londoner Geheimvertrag Italien, das sich 1914 bei Ausbruch des Weltkriegs für neutral erklärt hatte, die Brennergrenze zugesichert und damit den Kriegseintritt Italiens gegen die „Mittelmächte“ (Österreich-Ungarn, das Deutsche Reich und die Türkei) erreicht.
In den Friedensdiktaten nach dem Krieg, den „Pariser Vorortverträgen“, ging man noch einen Schritt weiter: In Versailles demütigte und amputierte man das Deutsche Reich, in Sèvres zerschlug man das Osmanische Reich, in St. Germain das habsburgische Österreich.