Ausland

Mittwoch, 05.11.2008

Amerika rechnet ab: Nie hat das Land so sehr nach Wandel verlangt

Ein vergiftetes Erbe

Von: Günther Deschner

Nun steht es fest: Am 20. Januar 2009 wird der Demokrat Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ins Weiße Haus einziehen. Vom ersten Tag an wird sich George W. Bushs Nachfolger in keiner beneidenswerten Position befinden.

Noch nie hat ein US-Präsident ein von seinem Vorgänger derart ramponiertes Land geerbt: ein von einer entfesselten und unkontrollierten Bankerbranche zugrunde gerichtetes Finanzsystem, eine astronomische Staatsverschuldung von zehn Billionen Dollar, eine Wirtschaft am Beginn einer Rezession und ein Drittel der Bevölkerung ohne Altersversorgung und Krankenversicherung.

Billionen wurden in nicht enden wollenden Kriegen in Afghanistan und gegen den Irak verpulvert. Guantánamo und Abu Ghraib, die Foltergesetze, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Völkerrecht, die Erosion von Bündnissen und die Ignoranz gegenüber anderen Kulturen machten Bushs Amerika moralisch angreifbar, unglaubwürdig und suspekt. Laut Umfragen waren vor der Wahl auch mehr als vier Fünftel der Amerikaner der Meinung, Bush habe ihr Land in ein heilloses Schlamassel geführt.

Eine unbelastete und charismatische Führerfigur

In dieser Situation war es für Obama, eine unbelastete, „smarte“ und charismatische Führerfigur, ein leichtes, sich mit dem pauschalen Motto vom „Wandel“ einem nach Veränderung lechzenden Publikum als Retter anzubieten. Noch vor ein paar Jahren war er ein politischer Niemand. Ohne Bush und die von ihm ausgelöste Frustration wäre wohl nicht einmal eine Kandidatur Obamas möglich gewesen. Doch nie in seiner Geschichte hat dieses Land derart nach Wandel verlangt wie nach acht Jahren Bush. Oba­ma steht für diese Sehnsucht. Insofern könnte er das größte Vermächtnis des texanischen Cowboy-Präsidenten sein.

Der neue Präsident soll die Amerikaner aus diesen Tiefen wieder herausführen. Doch selten oder nie ist ein Mann mit sowenig Erfahrung und magerem Leistungsausweis ins Weiße Haus eingezogen. Luftige Rhetorik wie der eitle Spruch „Wir sind die, auf die wir gewartet haben!“, die im Wahlkampf gut ankam, wird ihm ab jetzt nicht mehr helfen.

Sein Sieg ist die Abrechnung der Amerikaner mit einer außer Kontrolle geratenen republikanischen Regierung, mit einem in vielerlei Hinsicht versagenden Staat. Die Erblast Bushs wiegt schwer: Obama wird ein Amerika regieren, das seinen Zenit als hegemoniale Weltmacht, die es nach dem Ende des Kalten Krieges für kurze Zeit geworden war, schon wieder überschritten hat. Die Vision einer unipolaren Welt, in der sich der Globus nach Amerikas Pfeife dreht, ist verblaßt.