Mittwoch, 12.12.2007 Erst vergessen, dann relativiert: Ohne die Trümmerfrauen hätte es keinen Wiederaufbau gegeben
„Sie retteten Deutschland“
Von Moritz Schwarz
Herr Professor Hankel, Sie sagen: ohne Trümmerfrauen kein Wiederaufbau Deutschlands.
Hankel: Ja und das, obwohl die Aufbauleistung der Trümmerfrauen volkswirtschaftlich gar keine allzu große Rolle gespielt hat.
Wie kommen Sie dann zu Ihrer Aussage?
Hankel: Die Trümmerfrauen haben Deutschland als existentielles Kontinuum gerettet. Man muß sich vergegenwärtigen wie Deutschland 1945 aussah: Unsere Städte glichen Mondlandschaften, Schlachtfeldern! Ich habe damals das völlig vernichtete Kassel und Mainz selbst erlebt. Die Zerstörung war so total, daß vielen ein Wiederaufbau unmöglich schien.
Es gab die ernsthafte Überlegung, die alten Städte aufzugeben und an anderer Stelle ganz neue zu bauen. Die Trümmerfrauen bereiteten mit ihrer unverzüglichen und unermüdlichen Arbeit den Boden für den Wiederaufbau der verwüsteten Altstädte vor, sie können durchaus als die Retter der Innenstädte gelten.
Die Rettung der Innenstädte ist aber noch nicht mit der Rettung Deutschlands gleichbedeutend.
Hankel: Viel wichtiger noch als diese reale Bedeutung ist ihre symbolische: Am Tag der Kapitulation waren viele Deutsche von einem „Finis Germaniae“-Gefühl erfüllt. Die Welt stand still, die Geschichte schien ausgelöscht. Die totale Niederlage der Stunde Null nahm vielen jede Zuversicht. Doch dann hörte man plötzlich überall dieses leise Hämmern und Klopfen, sah das unauffällige, aber geschäftige Treiben zwischen den Trümmern.
Der Geist, den die Trümmerfrauen verkörperten, war: Weiterleben statt Aufgeben, Anpacken statt Wehklagen, Aufbauen statt Abfinden. Ohne sich dessen bewußt zu sein, haben die Trümmerfrauen Deutschlands „Élan vital“ gerettet. Sie waren die ersten, die wieder – ganz praktisch – eine Perspektive verkörperten: Das Leben geht weiter. Deutschland war niemals solidarischer als damals.
25 Prozent aller Wohnungen waren völlig zerstört, 40 Prozent aller Verkehrsanlagen und rund 400 Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die deutschen Städte.
Hankel: Die Trümmerfrauen waren natürlich nicht in der Lage, alles dies mit bloßen Händen und Spitzhacken wiederaufzubauen. Schweres Gerät stand nicht zur Verfügung. Wie schwer ihre Arbeit war, zeigen zum Beispiel die Worte des jungen Heinrich Böll, der, selbst zu Enttrümmerungsarbeiten herangezogen, schrieb: „Nach zwei Stunden bin ich schweißüberströmt, es schwindelt mir vor Augen – und wenn ich dann zu den Ärzten gehe, sagen sie, es ist nichts.“ Tatsächlich währte die Zeit der Trümmerfrauen nur kurz, nämlich von 1945 bis etwa 1948, danach begann die Bauindustrie wieder anzulaufen. Sie war es, die den eigentlichen Wiederaufbau bewerkstelligte.
|