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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte
Geschichte

Dienstag, 15.04.2008

Geschichtsdebatte: Das deutsche Urheberrecht für die Eskalation des Zweiten Weltkriegs ist bedroht

Rettet die Alleinschuld!

Von Thorsten Hinz

Das Buch „Kampflatz Deutschland“ des polnisch-deutschen Historikers Bogdan Musial schlägt bereits Wellen. Musial bestätigt nach neuen Aktenstudien, was unter ausgeschlafenen Historikern in Deutschland längst Konsens ist: Mit seinem Überfall auf die hochgerüstete Sowjetunion am 22. Juni 1941 ist Hitler einem sowjetischen Angriff auf Deutschland zuvorgekommen.

Wenn auch nicht um wenige Tage oder Wochen, wie in manchen Präventivkrieg-Thesen behauptet. Kollegen wie Walter Post, Heinz Magenheimer, Joachim Hoffmann oder Stefan Scheil wird Musial damit freilich nichts Neues sagen. Es gehört nur zu den Verrücktheiten der deutschen Verhältnisse, daß Musial wegen seiner vorsätzlichen Weglassungen, Einschränkungen und Verneigungen vor geschichtspolitischen Geßlerhüten eine vergleichweise größere Wirkung entfaltet.

Das Thema ist so brisant, weil das Bekenntnis zur deutschen Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg – neben der permanenten Vergegenwärtigung des Holocaust – den einzigen Identitätsanker in diesem sonst identitätslosen Land darstellt. Es berührt den geschichts- und staatspolitischen Lebensnerv der Bundesrepublik.
1960 wies Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (CDU) – zugleich Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft – in öffentlicher Rede auf die 54 Sudetendeutschen hin, die am 4. März 1919 gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker für den Anschluß an das Deutsche Reich demonstriert hatten und vom tschechischen Militär niedergemetzelt worden waren.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges

Diese Bluttat, so Seebohm, habe bereits den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert. Darauf reagiert der Staatsrechtler Theodor Eschenburg in der Wochenzeitung Die Zeit: „Bei der Frage nach der Schuld am Zweiten Weltkrieg, die wissenschaftlich sehr schnell und eindeutig beantwortet ist, handelt es sich nicht etwa um eine fachhistorische Angelegenheit. Die Erkenntnis von der unbestrittenen und alleinigen Schuld Hitlers ist vielmehr eine Grundlage der Politik der Bundesrepublik.“

Eschenburg hatte recht und unrecht zugleich. Die deutsche Alleinschuld wurde in der Tat schnell, jedoch nicht wissenschaftlich, sondern juristisch vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal notifiziert. Der Verteidigung wurde regelmäßig das Wort abgeschnitten, sobald sie auf den internationalen Kontext der politischen und militärischen Entscheidungen zu sprechen kommen wollte. Eine Siegerjustiz also, der die meisten deutschen Historiker dennoch lemminghaft folgen.

Im übrigen hatte Eschenburg die Sachlage korrekt benannt. Nicht historische Fakten und Zusammenhänge waren maßgeblich, sondern politische Kräfteverhältnisse und Interessen. Seebohms Äußerungen könnten von der sowjetischen Propaganda als „Mittel der weltpolitischen Isolierung Deutschlands“ verwendet werden. In der Tat: Der antifaschistische Konsens war blockübergreifend und galt auch für die westliche Führungsmacht.